Ötztaler Radmarathon 2017

Was war das denn?! Unglaublich: 7:09h & 12. Platz beim Ötztaler. Ein Tag, an dem sich die Schinderei einer ganzen Saison auszahlt. Dazu meine erste Dopingkontrolle. So am Limit, dass mich im Ziel nur noch eine Infusion wieder auf die Beine gebracht hat. Bis kurz vorm Timmelsjoch noch um Platz 6. gekämpft, um dann den schlimmsten Hungerast meiner „Karriere“ erleben zu „dürfen“.

Emotionen, Stories und Erlebnisse, die wohl für ein paar Wochen reichen würden, komprimiert in ein paar Stunden Radrennen!

Doch von Anfang:

Die Vorbereitung des Ötztalers lief dieses Jahr wirklich gut. Pünktlich zur „Rennwoche“ hatte ich mein „optimales“ Renngewicht erreicht. Der 4,5h Test und der dritte Platz bei der ÖM-Berg eine Woche zuvor stimmte mich zuversichtlich, dass die Form passen sollte. Außerdem hatte ich mir diesmal überall auf der Strecke Betreuer organisiert, für Verpflegung war also gesorgt.  Jetzt konnte ich nur noch auf gute Beine und einen glücklichen Rennverlauf hoffen! Nach der konservativen Taktik vom letzten Jahr, bei der ich einer ausgeklügelten Pacing-Strategie gefolgt war und so aufgrund einer langsamen Gruppe über den  Brenner viel Zeit verloren hatte, war es diesmal deutlich einfacher: Alles riskieren und bis zum Jaufenpass mit der Spitze mitfahren, um dann zu schauen, was die Beine im Timmelsjoch noch hergeben würden.

Kühtai

So ist der Rennverlauf bis zum Jaufenpass auch „relativ“ schnell erzählt. Erwartungsgemäß gab es in den ersten 15‘ des Kühtais die höchsten Wattzahlen des ganzen Tages. Es ging mit 280W bergauf, ich fiel etwas zurück, behielt die Spitze jedoch auf Sichtweite und konnte nachdem dort auch etwas rausgenommen wurde, wieder aufschließen. So standen am Gipfel 262W und eine Zeit von 58:11auf meinem Garmin. Die anschließende Highspeed Abfahrt machte auch diesmal ihrem Ruf alle Ehre. Im Steilstück riskierte ich einen kurzen Blick auf den Tacho: 113km/h! Höchstgeschwindigkeit, dachte ich, aber weit gefehlt. Genau in dem Moment rauscht ein Fahrer im „Froomie Style“ an mir vorbei, das müssen locker +120km/h gewesen sein.

Innsbruck und Brenner

Die Abschnitte Innsbruck, Brenner bis Sterzing  verliefen dann relativ unspektakulär. Die Teamkameraden des späteren Siegers schufteten ordentlich im Gegenwind und hielten so das Tempo hoch. Für mich war das die Zeit, sich zu verpflegen, um die Speicher für die kommenden Aufgaben voll zu halten. Die Beine funktionierten in Sterzing noch tadellos und ich fühlte mich wirklich super. Dennoch erwartete ich nach dem konservativen Rennverlauf, in dem sich alle Favoriten im Windschatten verstecken konnten, nun das große Feuerwerk.

Jaufenpass

Erfreulicherweise blieb dies aber aus, das Tempo war zwar hoch, aber es war gleichmäßig und kam mir  sehr entgegen. Ich konnte gut mitfahren und bis zur Verpflegung kurz vor dem Gipfel standen 265W am Garmin. Allerdings wurde dann genau in der Verpflegung das Tempo verschärft und bis zum Gipfel explodierte die Gruppe. So musste ich die letzten 5‘ nochmal richtig beißen und die 280W taten am Ende des Anstiegs dann doch ordentlich weh. Dennoch konnte ich mich über die Kuppe retten und den Anschluss halten. Es folgte der, meiner Meinung nach schönste Teil des ganzen Ötzis: die Abfahrt nach St. Leonhard. Eine gesperrte Straße und jetzt sogar noch viele Stellen neu asphaltiert! Einfach genial!

Timmelsjoch

In St. Leonhard fing ich dann das erste Mal an, nachzudenken. Meine Strategie war bis zum Jaufen alles zu riskieren und einfach mitzufahren. Dies war aufgegangen. Dass  ich nun aber in der mittlerweile auf ca. 10 Mann geschrumpften Spitzengruppe des Ötztalers im Expresstempo in Richtung Timmelsjoch fuhr, damit hatte ich im Leben nicht gerechnet.

Das „Flachstück“ (+345hm) bis Moos wurde dann mit 270W über 17‘ ordentlich angedrückt und bei der ersten Kehre nach Moos fiel dann die Entscheidung, zumindest in„meinem“ Rennen: 6 Mann konnten sich absetzen und in diesem Moment wäre es reiner Selbstmord gewesen, da mitzufahren.

Ich blieb dahinter mit Christian Oberngruber und Jörg Ludewig am Hinterrad. Bis zum Flachstück in der Schönau konnte ich 250W gut halten und fühlte mich immer noch großartig. Ludewig hatten wir abgehängt und so konnten sich Christian und ich im Flachstück gut abwechseln. Kurz danach konnte dann Stefan Oettl noch zu uns aufschließen. Er spannte sich gleich vorne rein und fuhr einen ordentlichen Zug in Richtung Gipfel.

Wir waren auf Kurs 7:05 und es ging um den 6. Platz.

„Was geht hier eigentlich gerade ab?!“

Doch dann war es soweit. 3,5km vor dem Gipfel wartete er hinter einer Kehre. Der Mann mit dem Hammer. Ich fuhr gegen eine Wand. Unglaublich innerhalb kürzester Zeit verwandelte ich mich gefühlt vom Superman in einen Schwerstkranken. Es war absurd: 190W fühlten sich an wie 600W. Ich musste reißen lassen und verlor auf die beiden bis zum Gipfel  1 Minute. Kein Gel mehr, nichts mehr zu trinken. Im absoluten Delirium kämpfte ich mich bis zum Gipfel.

Doch leider ist der Ötzi der Ötzi und jeder, der ihn schon mal gefahren ist, weiß was einen in der Abfahrt nach Sölden noch so erwartet. 230hm Gegenanstieg zur Maut. Absolut menschenverachtend!

Zuerst flog Jörg Ludewig in gefühlter Lichtgeschwindigkeit an mir vorbei, dann kam die Mautstation in Sicht und noch 100m bis zur rettenden Kuppe. Ich drehte mich um und von hinten flogen Bernd Hornetz, Patrick Haagenars und noch ein Fahrer heran. Ich versuchte noch einmal zu beschleunigen, um an das Hinterrad zu springen, aber es war einfach unmöglich. 100m später und ich hätte mit ein bisschen weniger Geschwindigkeitsunterschied den Anschluss vielleicht geschafft. So musste ich auch diese drei Fahrer ziehen lassen und war psychisch komplett gebrochen. Körperlich bewegte ich mich sowiso schon irgendwo zwischen Koma und Wachzustand. Zumindest ging es jetzt wirklich nur noch bergab. Kaum mehr fähig geradeaus zusehen, rettete ich mich die Kehren hinunter und rollte nach 7:09.55 über die Ziellinie.

Ziel

Ich stieg ab, sank zu Boden, schloss die Augen und plötzlich begann sich alles zu drehen. Ich weiß nicht, wie lange ich so dagelegen bin. Aber als ich das erstemal wieder die Augen öffnete, schaute ich in die Gesichter von drei Sanitätern, die mir besorgt irgendwelche Fragen stellten und mir Kekse in die Hand drückten. Ich versuchte mich aufzusetzen und wurde von meinen Emotionen überwältigt. Ob es Enttäuschung, Freude oder einfach nur Schmerzen waren, keine Ahnung. Aber es musste alles einfach nur raus.

Doch das Abenteuer war noch nicht vorbei. Ein weiteres freundliches Gesicht beugte sich zu mir herunter und eröffnete mir, dass ich ihn zur Dopingkontrolle begleiten dürfte. Diese brachte ich dann irgendwie hinter mich um anschließend, eingepackt in drei Jacken (bei 25°) und Beinen aus Pudding direkt das Sanitätszelt anzusteuern. Die Sanitäter versorgten mich gleich mit einer Wasser-Glucose Infusion und innerhalb von 10min fühlte ich mich wie neugeboren. Faszinierend was so ein bisschen Zucker ausmachen kann. Und so langsam fing ich dann auch an zu realisieren, was da in den letzten Stunden alles passiert war.

7 Stunden 9 Minuten 55 Sekunden!

Platz 12 bei einem der größten Alpenmarathons der Welt!

Holy Sh***!

Ich sollte den Grinser den ganzen Tag nicht mehr aus dem Gesicht bekommen!

 

Noch ein Wort zu meiner Dopingkontrolle:

Mit etwas Abstand möchte ich noch bemerken: Ich durfte beim Ötzi zum ersten Mal zu einer Dopingkontrolle und bin auch sehr froh darüber. So habe ich jetzt schwarz auf weiß, dass alles, was ich mir in letzter Zeit durch viel harte und akribische Schufterei erarbeitet habe, auch mit fairen Mitteln erreicht habe. Vor allem vor dem Hintergrund der vielen Diskussionen um die Sieger der Vergangenheit.

Mittlerweile kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass es möglich ist, in der Spitze des Ötzis ohne Doping mitzufahren und dass Zeiten um die 7h absolut möglich sind. Es gehört einfach nur viel Leidenschaft, Arbeit und Disziplin dazu. Ob manche dennoch eine „Abkürzung“ nehmen, kann und will ich hier aber nicht beurteilen. Es ist einfach nur ein positives Zeichen, dass der Veranstalter nun auch Dopingkontrollen durchführt. Auch wenn komischerweise keiner der Top5 getestet wurde.

Zum Abschluss noch ein kleiner Überblick zu meiner Entwicklung bei drei Teilnahmen. Wenn ich die Verbesserungsrate halten kann, wirds nächstes Jahr spannend xD!

Ötzi Entwciklung

Natürlich gilt es zum Schluss aber noch allen Betreuern an der Strecke zu danken, ohne diese Unterstützung wäre die Leistung gar nicht möglich gewesen. Danke an meine Eltern, Michi Danklmaier und Philip Bachl. Genauso wie den Begleitern von Christian Oberngruber und Markus Feyrer, die mich als “Konkurrenz” ganz selbstverständlich mitbetreut haben. Dankeschön!

Ergebnisse:

https://services.datasport.com/2017/velo/oetztaler/rang010-001.htm

Strava:

https://www.strava.com/activities/1156682444

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